Montag, 13. November 2017

Drachenexpedition: Schreibaktion mit Lillith Korn


Erneut heiße ich euch im Rahmen der Drachenmond Lesechallenge zu unserer Drachenexpedition willkommen. Wer noch nicht weiß, worum es geht, kann alles bei Emely auf dem Blog nachlesen. 

Bei der Schreibaktion mit Lillith habe ich ihr ein Setting und 5 Wörter vorgegeben. Als diese dann "verbaut" waren, gab es die nächsten fünf. 



Setting: Du bzw. die Protagonistin wachst morgen auf und musst feststellen, dass du 50 Jahre in der Zukunft bist, alle um dich herum sind sind dementsprechend älter oder bereits gestorben.

Abschnitt 1. Wortvorgabe: Darth Vader, Hollywood-Schaukel, Matcha-Chai-Latte, Straßenbahn, Schwert.

Gähnend strecke ich mich und wische mir den Schlaf aus den Augen. Ich bin von meinem eigenen Schnarchen aufgewacht, was bedeutet, dass ich besonders tief geschlummert habe.
Als ich in das Licht blinzle, das von draußen hereindringt, sehe ich eine Bewegung im Garten. Alarmiert springe ich auf und ducke mich unter dem Fenster. Sind sie da? Kommen sie mich jetzt holen?
Ja, Paranoia ist mein ständiger Begleiter. Aber hey, dass man paranoid ist, heißt noch lange nicht, dass man nicht verfolgt wird!
Vorsichtig drücke ich mich ein Stück hoch und luge nach draußen. Sofort atme ich erleichtert aus. Es ist nur Darth Vader, der auf der Hollywood-Schaukel im Garten hin und her schwingt. Wenn ich mich nicht täusche, summt er dazu leise. Zumindest tönt ein blechernes Geräusch in meine Richtung.
Beruhigt, dass nichts Ungewöhnliches passiert ist, gehe ich ins Bad und mache mich frisch für den Tag. Darthys Schwert lehnt frisch poliert an der Badewanne. Besser gesagt, der Knauf. Ich schnalze mit der Zunge und schüttle den Kopf. Wie oft habe ich ihm gesagt, er soll es nicht im Bad stehen oder liegen lassen? Irgendwann breche ich mir noch mal das Genick! Es reicht schon, dass ich andauernd über seinen Umhang stolpere, weil er es einfach nicht gebacken bekommt, den in und nicht vor die Waschmaschine zu legen. Entnervt seufze ich.
Nach der Morgenwäsche gehe ich in die Küche und schlürfe meinen Matcha-Chai-Latte. Dann schlendere ich in den Garten und werfe Darthy sein Schwert zu. Wir sind schon ewig befreundet und wohnen seit gut drei Jahren in einer WG.  „Hier, du Heini.“
Er fängt die Waffe zielsicher mit der Linken und nickt. „Jo, danke, Ben. Hast lange geschlafen.“
Voller Elan strecke ich mich. „Wie spät ist es denn? Ich hab gar nicht auf die Uhr geschaut.“
„Sieben. Am Morgen.“
Irritiert kratze ich mich am Kopf. „Und das nennst du lange?“
„Nun“, ertönt es blechern. „Ich bezog mich dabei auf die Jahre, nicht die Uhrzeit.“
„Was?“, krächze ich. Dass er Scherze macht, bin ich von ihm nicht gewohnt.
„Du hast 50 Jahre geschlafen“, erklärt er. „Aber keine Sorge, ich hab mich um den Papierkram gekümmert. Sonst hättest du das Haus längst verloren.“
Er schaukelt seelenruhig weiter. Ich hasse seinen Pragmatismus! Schockiert taumle ich zurück ins Haus und öffne das Internet. Der PC teilt mir mit, dass meine Software veraltet sei, doch ich ignoriere ihn und surfe auf die erste News-Webseite, die mir einfällt.
Fuck.
Darthy hat recht. Es ist 2067. Das bedeutet … alle, die ich kenne, sind wahrscheinlich steinalt oder tot!
Ich spüre regelrecht, wie mir das Blut aus dem Gesicht weicht. Nein. Das muss doch ein schlechter Scherz sein!
Entsetzt schnappe ich mir meine Jacke und renne aus dem Haus, um mit der Straßenbahn in die Stadt zu fahren und mich davon zu überzeugen, dass Darthy das erste Mal in seinem Leben Witze gemacht und meinen PC irgendwie manipuliert hat.

Abschnitt 2: Monster, Schleim, Skelett, Nasenbluten, Messerstecher, aufschlitzen

Verdammt. Die Straßenbahn ist weg. Stattdessen schweben überall Typen mit Skateboards ohne Rädern an mir vorbei. Wie nannte man solche Teile in den Science-Fiction-Filmen noch mal? Keine Ahnung.
Sachen zischen durch die Luft und aus allen Richtungen blinkt oder piept es. Wow, die Zukunft ist echt stressig.  Kleine Roboter, die aussehen wie mechanische Schmetterlinge mit Bildschirm in der Mitte, schweben vor mein Gesicht. Jetzt projiziert das Ding auch noch irgendwas in die Luft und ich kann gar nichts mehr erkennen.
Meine Paranoia scheint so bedient zu sein, dass sie sich einfach verzogen halt. Manchmal ist die Psyche wirklich seltsam. Aber nicht so seltsam wie das hier.
Scheiße, vielleicht sollte ich einfach wieder nach Hause gehen und Darthy weiter ausquetschen.
Ich drehe um, will zurückgehen – da stürmt ein Skelett mit Nasenbluten auf mich zu. Es zieht eine Spur aus grünem Schleim hinter sich her.
„Aaaaaaaaaaaah!“, brülle ich und taumle rückwärts, spüre, wie eines dieser fliegenden Dinger meinen Kopf streift und mir ein paar Haare ausreißt. „Ein Monster! Ein Messerstecher! Er will mich aufschlitzen! Polizei! Feuerwehr! Darthy!“ Meine Stimme ist schrill, mindestens fünf Oktaven höher als sonst, und bricht bei dem letzten Wort.
Das Skelett beginnt zu gackern und krümmt sich vor lauter Gekichere.
Irritiert bleibe ich stehen und starre es an. Ein Messer hat es nicht. Und … „Sag mal, ist das eine Verkleidung?“, keuche ich und deute auf den Reißverschluss an der Seite.
Plötzlich springt Darth in den Weg und fuchtelt mit seinem Leuchtschwert rum. Es blinkt – er hat wieder mal vergessen, die Batterien aufzuladen. Offenbar ist es aber bedrohlich genug. Das Skelett torkelt drei Schritte rückwärts und rennt dann in einem beachtlichen Tempo davon.

Abschnitt 3: Freunde, Freude, Spieleabend, Hilfe, Lachen

Beeindruckt wende ich mich an Darth Vader. „Was … Wie … Woher …“
Er winkt ab und ich meine, ein Lächeln in seinem Gesicht zu sehen. Gut, da kann ich mich auch täuschen, aber ich bin mir fast sicher, dass das Metall sich leicht verbiegt. Ja, doch. Er lächelt, und zwar mit ein bisschen Stolz. „Kein Ding. Wozu hat man Freunde? Ich habe schon geahnt, dass du Hilfe brauchen könntest.“ Er drückt einen Knopf. Das Lichtschwert fährt sich ein und er verstaut es.
Ich hingegen bin immer noch baff. Er ist mir also tatsächlich gefolgt um mich vor den Gefahren des Jahres 2067 zu schützen. Wie lieb von ihm. „Danke“, bringe ich hervor.
Er nickt lediglich und richtet sich noch ein Stückchen auf. „Was hältst du davon, wenn wir zurück nach Hause gehen und einen Spieleabend machen? Ein bisschen Spaß oder wenigstens Freude würde dir guttun. Und dann erzähle ich dir ganz in Ruhe, wie es 2067 so läuft.“
Während er das sagt, hält er mir den Arm hin, damit ich mich unterhaken kann. Sein Angebot nehme ich dankbar an und wir schlendern zurück nach Hause. Als er mir erklärt, dass ich fünfzig Jahre lang geschnarcht habe, schmeiße ich mich fast weg vor Lachen. 

Abschnitt 4: Herzschmerz, Eifersucht, Liebe, Schmetterlinge, Gefühl

Nachdenklich schließe ich die Haustür hinter uns. Darthy wirft bereits den Wasserkocher für einen Tee an – er hat die Einrichtung weitestgehend so behalten, wie ich sie kannte, was echt süß von ihm ist –, ehe er galant den Stuhl zurückschiebt, damit ich mich setzen kann. Jetzt fällt mir auf, dass ich ein blaues Hawaiihemd mit Fischen darauf trage und dazu eine karierte Hose.
„Hä?“, mache ich und deute an mir hinab.
Darthy serviert den Tee und setzt sich zu mir. „Na ja. Weißt du, wenn man 50 Jahre schläft, muss man sich auch mal waschen, umziehen und so weiter.“
Ach du Scheiße. Daran habe ich überhaupt nicht gedacht. Der einzig tröstende Gedanke ist, dass ich nicht selbst an dieser Geschmacksverirrung leide.
Mein Herz klopft schneller und ich japse: „Heißt das … du hast mich …“
Mit einer abwinkenden Geste unterbricht er mich. „Mach dir keinen Kopf, Ben. Das Windelabo habe ich mit einem Knopfdruck abbestellt, als ich gesehen habe, dass du aufwachst. Und auch sonst kommen keine weiteren Kosten auf uns zu. Hab ich alles sehr gern gemacht.“ Er zwinkert. „Ach ja, und mal ganz unter uns: knackiger Arsch, das muss ich sagen.“
O mein Gott. Baggert er mich etwa an? Hitze steigt mir in die Wangen und färbt sie mit nahezu zweihundersiebenundachtzigprozentiger Sicherheit rot.
Ist das Hoffnung in seinen Augen?
Aber wenn ich mal ganz ehrlich zurückdenke … War da nicht immer ein kleiner Schwarm Schmetterlinge in meinem Bauch, wenn ich ihn beim Duschen durchs Schlüsselloch beobachtet habe? Was ich natürlich nie getan habe! Ich meine … egal. Und war da nicht immer Eifersucht, wenn die nette Nachbarin Clara ihm schöne Augen gemacht hat? Ein bisschen Herzschmerz, wenn Darthy es geschafft hat, ohne mich die Wäsche zu waschen oder das Schwert zu polieren?
Jedenfalls macht sich ein seltsames Gefühl in mir breit und ich sehe ihn plötzlich mit ganz anderen Augen. „Darthy …“, flüstere ich ekstatisch, während wir uns immer näherkommen.
„Au!“, schreie ich, als ich mit der Lippe gegen das Blech seines Gesichts donnere.
Gut, das wars mit dem romantischen Moment, befürchte ich. Er wohl auch, denn er hüstelt angespannt und kratzt sich am Kopf, was ein schabendes Echo im Metall verursacht.

Abschnitt 5: Traum, Wut, Trauer, Mut, Zukunft

Unseren Moment habe ich gründlich zunichtegemacht. Nun sitzen wir im Garten und starren auf die Feuertonne, jeder ein Gläschen Prosecco in der Hand.
„Manchmal wünschte ich, es wäre alles nur ein Traum“, seufze ich theatralisch.
Er lehnt sich zurück und kippt sich das ganze Glas auf ex rein. „Ich nicht.“ Dann gießt er sich nach und hält auch mir die Flasche hin, aber ich lehne dankend ab.
Schulterzuckend leert er drei Gläser hintereinander und rülpst metallisch. Ein wenig hört es sich an, als hätte er in eine Mundharmonika gehaucht.
„Wieso nicht?“
„Gansch eieenfach“, lallt er. „Vor fünffsisch Jaahrn warsch gansschön wüdnd auf disch. Die Wut iss aba weggegang.“
„Was? Wieso wütend?“
„Weil dumischso für selbsssvaschtändlisch gesehn  hassd.“ Hicksend öffnet er eine neue Pulle. Nur etwa die Hälfte von dem, was er ausgießt, landet im Glas. „Aba dann warssu so hilflos und endlisch konndisch dir meine Liebe seign. Auch wennndu … hicks … nichssavon gemerkd hassd. Wenigsns hassu misch nisch mit Absischd ignoriat.“
Oha. Hat er sich jetzt zugesoffen, um mir das zu sagen? Ich hatte ja keine Ahnung! Dabei bin ich mir sicher, dass es zwischen uns schon immer geknistert hat, nur habe ich es selbst verdrängt. Warum auch immer.
Ruckartig entreiße ich ihm die Flasche und das Glas. Trauer zeichnet sich auf seinem Gesicht ab. „Trink mal’n Schluck Wasser zwischendurch“, ordne ich an und er gehorcht. Grinsend füge ich hinzu: „Und dann mal ein bisschen Mut, wenn ich bitten darf. Denn ich habe nie gesagt, dass wir keine gemeinsame Zukunft in der Zukunft haben.“


Was für eine Geschichte! Sie ist klasse! Danke, Lillith, dass du hier mitgemacht hast! 


Und nun noch die Frage:
Welches Abo wurde abbestellt? 

Mit der Drachenexpedition geht es morgen bei Carla weiter. Viel Spaß! 




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